Dorothea SchemmeSie sind hier: HdFG > Nachrichtenarchiv > 01.05.2013

Kurzrezension der Neuerscheinung

Jürgen Nürnberger/ Dieter G. Maier: Josephine Levy-Rathenau: Frauenemanzipation durch Berufs-beratung. Jüdische Miniaturen Band 137 (Hrsg. Hermann Simon). Hentrich & Hentrich Verlag Berlin. Centrum Judaicum. Berlin 2013

 
  Josephine Levy-Rathenau

Josephine Rathenau entstammte einer angesehenen, liberal-aufgeklärten und sozial engagierten Familie des jüdischen Bürgertums. Durch ihr Engagement in der ersten deutschen Frauenbewegung erlangte sie überregionale Bekanntheit und Anerkennung. "Bis zu ihrem frühen Tod widmete sie sich wegweisend dem Aufbau der Berufsberatung für Frauen und Mädchen. Sie gründete verschiedene Organisationen mit und leitete u.a. die ‚Auskunftsstelle für Frauenberufe', das ‚Kartell der Auskunfts-stellen für Frauenberufe" sowie das ‚Frauenberufsamt des Bundes der Deutschen Frauenvereine'. Levy-Rathenau gab die Zeitschrift ‚Frauenberuf und -erwerb' heraus und veröffentlichte neben drei Büchern zahlreiche Aufsätze zur Frauenarbeit und Berufsberatung. Während des ersten Weltkrieges war sie Vorsitzende des Berliner ‚Nationalen Frauendienstes', um die staatliche Fürsorgearbeit zu ergänzen, und engagierte sich danach als eine der ersten Frauen als Stadträtin und Bezirksverordnete in der Berliner Stadtverwaltung. (…) Während der NS-Zeit totgeschwiegen ist Josephine Levy-Rathenau heute nahezu vergessen" . Es ist das Verdienst zweier Autoren der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit, ihr Leben und Werk wieder in Erinnerung zu rufen.

Geboren 1877 in Berlin ließen ihre Eltern ihr eine sorgfältige Erziehung und die damals bestmögliche Schulbildung zukommen. Noch war es Frauen verwehrt, Gymnasien zu besuchen und danach ein Studium an einer Universität aufzunehmen. Auf der Höheren Mädchenschule, die sie bis 1893/94 besuchte, lernte sie gewissenhaft u.a. Sprachen, so dass sie sich auf Reisen wie es hieß - vorzüglich englisch, französisch und italienisch unterhalten konnte. 1900 heiratete sie Dr. Max Levy, einen Phy-siker, Ingenieur und Elektrogerätefabrikanten. Um soziale, geistige und seelische Not zu lindern, mo-tivierte sie Frauen und Mädchen wohlhabender Schichten zur Armenpflege und Wohltätigkeit, orga-nisierte sozial-wissenschaftliche Kurse und arbeitete am Aufbau einer Bibliothek mit. Sie gehörte zu den Initiatorinnen des "Berliner Frauenclubs von 1900 e.V.", der 1910 bereits 1070 erwerbstätige Frauen zählte, die sich in der Frauenbewegung sozial und politisch engagierten. Der Club wurde von ihr in einem Resümee als "kleiner Frauenstaat" bezeichnet. 1902 übernahm Josephine Levy-Rathenau bis zu ihrem Tod die Leitung der "Auskunftsstelle für Frauenerwerb", einer Einrichtung des Bundes Deutscher Frauenvereine. "Unsere Hauptaufgabe ist Aufklärung." Sie strebte eine flächendeckende Verbreitung der Auskunftsstellen an und war Mitautorin einer Studie und des Ratgebers "Die deutsche Frau im Beruf. Praktische Ratschläge zur Berufswahl", die bis 1917 in fünf Auflagen erschien. Sie gehörte zu den Gründerinnen des "Verbandes für die handwerksmäßige und fachgewerbliche Ausbildung der Frau" und trug so maßgeblich zur Erschließung handwerklicher Berufe für Frauen bei. Von 1910 an zeichnete sie verantwortlich für den Inhalt der monatlich erscheinenden Zeitschrift "Frauenberuf und -erwerb". Zusammen mit Alice Salomon erfolgte 1911 die Gründung des "Kartells der Auskunftsstellen für Frauenberufe", zu deren Leiterin sie gewählt wurde. 1916 waren 96 Auskunftsstellen im Deutschen Reich dem Kartell angeschlossen, und es erfolgte eine Umbenennung in "Frauenberufsamt des Bundes Deutscher Frauenvereine". Die wissenschaftliche Leitung lag in ihren Händen. 1913 zählte sie zu den Mitbegründern des allgemeinen "Deutschen Ausschusses für Berufsberatung". 1914 erschien ihr Buch "Die Frau als technische Angestellte". Dazu stellte sie fest: "Der vermehrten Beteiligung an der technischen Arbeit hat die Vermehrung der Ausbildungsmöglichkeiten bzw. die Eröffnung und Anpassung der vorhandenen Bildungsgelegenheiten nicht entsprochen."

1918 forderte sie öffentlich die Einführung des unbeschränkten Wahlrechts für Frauen. 1920 wurde sie als eine der ersten Frauen in den Magistrat aufgenommen. Nach der Neustrukturierung Berlins übernahm sie im neu gebildeten Bezirk Tiergarten das Amt einer Bezirksverordneten. 1921 verwies sie auf erste Ansätze einer zentralen und staatlichen Regelung der Berufsberatung und Lehrstellen-vermittlung. Als die Berufsberatung sich gerade als allgemeine, öffentliche Einrichtung etablierte, starb sie Ende 1921 im Alter von 44 Jahren. Gertrud Bäumer würdigte die früh Verstorbene "als starke, lebendige, tatfrohe Persönlichkeit", die mit "unerschöpflicher Schaffenslust", "warmherzigem Realismus" und "schöpferischem Sinne (…) aus dem kleinen Anfang das sozialpolitische Hilfswerk der Berufsberatung geschaffen (hat), das in Organisation und Methode vorbildlich geworden ist auch für die viel später einsetzende Berufsberatung der Knaben."

1931 fand die bis heute letzte öffentliche Gedenkveranstaltung zum Leben und Wirken dieser bedeu-tenden Frau statt.

1Jürgen Nürnberger/ Dieter G. Maier: Josephine Levy-Rathenau: Frauenemanzipation durch Berufsberatung. Jüdische Miniaturen Band 137 (Hrsg. Hermann Simon). Hentrich & Hentrich Verlag Berlin. Centrum Judaicum. Berlin 2013, Umschlagtext und S. 9-10
2Levy-Rathenow, Josephine: Unsere deutschen Frauenclubs und ihre Leistungen, in: Frauen-Fortschritt I (1910) Nr. 1 (10.März 1910), S. 3
3Levy-Rathenau, Josephine: Auskunftsstellen für Frauenberufe. Ihre Gründung, ihre Zwecke und ihr Einrich-tung. In: Die Frau, 18(1910/11) H. 8 (Mai 1911
4Leipzig u.a. 1914 (Schriften des Frauenberufsamtes des Bundes Deutscher Frauenvereine, H. 1), hier insb. S. IV, 60-61. Josephine
5Levy-Rathenau: zum Gedächtnis. O.O. 1922 (FN 13), S. 6-10

Abb. Josephine Levy-Rathenau: HdBA Bericht 05, S. 73 (Hochschule der Bundesagentur für Arbeit)

 
     
  Haus der FrauenGeschichte, 1. Mai 2013