Haus der FrauenGeschichte
Informationen und Meinungen aus dem Haus der FrauenGeschichte

1. November 2014

Termine

»Trümmerkindheit. Belastende Erfahrungen als Kraftquelle entdecken«
Le­sung und Schreibwerkstatt am 2. + 22. November 2014 im Haus der Frau­en­Ge­schich­te.
Kathleen Battke stellt am Sonntag, 2. November, um 11:30 Uhr während ei­ner Lese­-Matinée ihr Buch »Trümmerkindheit. Erinnerungsarbeit und bio­gra­fisch­es Schrei­ben für Kriegskinder und Kriegsenkel« vor. Darin geht es um das Erinnern an Über­le­bens­kräf­te in be­las­te­ter (Kriegs-)Kindheit und darum, wie wir diese Ressourcen heute nutzen können. Im Anschluss ist Zeit für einen Aus­tausch im Gespräch. Das Buch kann vor Ort erworben und ggfs. signiert werden. [weiterlesen].
Eintritt + Lesung: 7 EUR. Kostenfrei für Mitglieder des HdFG-Fördervereins Baustein FrauenGeschichte e.V..
Anmeldung und Seminarbeitrag für die Schreibwerkstatt am 22. Nov. s.  Info.

Weitere Termine s. Veranstaltungskalender des HdFG

Sondernewsletter: »Bethel in der NS-Zeit - Die verschwiegene Geschichte«

Vergangenen Sonntag las Barbara Degen aus ihrem neu erschienen Buch »Bethel in der NS-Zeit - Die verschwiegene Geschichte« im Rahmen einer Matinée im Haus der FrauenGeschichte. In diesem Newsletter finden Sie einen Auszug der Lesung, eine Zusammenfassung der Podiumsdiskussion, sowie eine Buchbesprechnung von Professorin Dr. Annette Kuhn und eine Stellungnahme der Autorin Dr. Barbara Degen.

Barbara Degen liest im HdFG aus ihrem Buch "Bethel in der NS-Zeit - Die verschwiegene Geschichte"

Foto: Barbara Degen liest im HdFG aus ihrem Buch "Bethel in der NS-Zeit - Die verschwiegene Geschichte" (Aufnahme von Maria Grill)

Barbara Degen: Lesung am 19.10.2014, 11.30 Uhr (Sonntagsmatinee) im Haus der FrauenGeschichte, Bonn aus dem Buch:

Bethel in der NS-Zeit - Die verschwiegene Geschichte, VAS-Verlag Bad Homburg 2014 , 367 Seiten 24,80 Euro

Thema: Mütterlichkeit, Liebe und Fürsorge im Nationalsozialismus

Eugenische Theorien und Bestrebungen, den "Idealmenschen" zu schaffen und eine optimale Bevölkerungspolitik zu planen, gab und gibt es nicht nur in Deutschland, sondern in vielen anderen Ländern. Ende des 19.Jahrhunderts hat sich die "Eugenik" in Deutschland mit der Forderung nach "Rassenhygiene" verbunden. Einer der Vorschläge von Alfred Ploetz (1860 - 1940), dem Erfinder des Begriffs, war es, behinderte kleine Kinder nach dem Urteil eines Ärztegremiums mit "ein paar Tropfen Morphium" zu töten. Diese Diskussion fand mit dem Machtantritt der Natonalsozialisten ihren traurigen Höhepunkt und ihre praktische Umsetzung. 1934 trat das Gesetz zur Zwangssterilisation in Kraft, 1936 wurden Zwangsabtreibungen erlaubt und ab 1938 wurden in den psychiatrischen Anstalten und in besonders dafür geschaffenen Gaskammern Menschen getötet. Man schätzt die Gesamtzahl der "Euthanasie"opfer - viele von ihnen sind verhungert - heute auf ca. 250 000 in ganz Europa. In Bethel wurde unmittelbar nach Inkrafttreten des Gesetzes ab 1.1.1934 mit den Zwangssterilisierungen begonnen. Bis heute wurden dort 1600 Eingriffe gezählt. Diese Politik war eine Politik gegenüber allen Selbstbestimmungsbestrebungen von Frauen und vor allem eine Politik gegen die Mütter und die Pflegenden. Der bis Ende 1939 leitende Arzt der von Bodelschwinghschen Anstalten und spätere Gutachter der Tötungszentrale in Berlin (T 4), Werner Villinger, formulierte Mitte der 30er Jahre:

Mit Schaudern denken wir an die Jahre nach dem Krieg zurück (…) Fortschrittsglaube, Freihandel, Frauenemanzipation, Pazifismus, Koedukation, Gleichheit aller Menschen, Aufklärung, Nacktkultur, vor allem aber "Freiheit" und diese wieder am uneingeschränktesten auf dem Gebiet der `Liebe` - wir kennen alle diese Schlagwörter und Bestrebungen, die in jener Zeit die Köpfe (….) verwirrten (….) bis endlich der langersehnte Umschwung kam und mit ihm biologisch fundiertes Denken und Handeln beim Staat und von da aus auch bei unserem ganzen Volke seinen Einzug hielt.

Zu der Frage von Mütterlichkeit und Fürsorge hatte er bereits 1930 geschrieben:

Alle Fürsorge neigt nach Art echter Mutterliebe dazu, sich des Schwächsten, des Bemitleidenswertesten in erster Linie zu erbarmen, ihm alle Kraft zu widmen und in diesem Helfen sich nicht nur zu verzehren, sondern es zum Inhalt und Zweck des eigenen Lebens überhaupt werden zu lassen. Das heißt die Fürsorge hat die Tendenz, zum Selbstzweck, zur überwertigen Idee zu werden, neben der alles andere verschwindet. Hier muss die Medizin als bioglogisch fundierte Wissenschaft zur Hilfe kommen und außer dem Gesichtspunkt des Helfens, Behandeln, Pflegens den schon erwähnten Gedanken der Sichtung und Sonderung und nicht zuletzt den der Vorbeugung in die Fürsorge hineintragen. Denn trotz aller Fürsorge wächst offenbar die Zahl der geistig und seelisch Abnormen im Verhältnis schneller als die der tüchtigen, brauchbaren, sozial wertvollen Menschen. Das ergibt eine immer größere Belastung und eine immer größere Gefahr für Staat und Gesellschaft. So erhebt sich ohne Weiteres die Forderung, alles aufzubieten, um dieser Vermehrung der Abnormen wirksam entgegenzutreten.

Die toten Kinder von Bethel

Im Mai 2012 habe ich im Stadtarchiv Bielefeld Hunderte von Todesmeldungen von kleinen, nicht behinderten und behinderten Kindern aus dem Betheler Kinderkrankenhaus "Sonnenschein" (ca. 100-120 Betten) gefunden. Das Hauptarchiv Bethel hat aus seinen Aufnahme- und Entlassungsbüchern die Todeszahlen und die dort angegebenen Todesursachen zusammengestellt. Nach diesen Büchern sind zwischen 1933 und 1945 2069 Kleinkinder in dem Kinderkrankenhaus gestorben, ca. 90 % im ersten Lebensjahr. Die aufgeführten Todesursachen sind "Frühgeburten", "Lebensschwäche", "Ernährungsstörungen" und vor allem Infektionskrankheiten. 23 der Kinder waren mongoloid. Die detallierten Zahlen habe ich in meinem Bethelbuch veröffentlicht, wie ohnehin alle Todeszahlen des Buches aus den betheleigenen Unterlagen stammen. Aus den Quellen ergibt sich, dass die Hauptgefährdetengruppe außerhalb des Krankenhauses die sog.Grünbuchpfleglinge ("Geisteschwache") und die nicht "gemeinschafts- und arbeitsfähigen" PatientInnen und Pfleglinge mit der Diagnose "unheilbar" und "dauernd anstaltspflegebedürftig" waren.
Da Bethel bis heute erhöhte Todeszahlen bestreitet und den Hintergründen der hohen Sterberaten nicht nachgehen will, hat mich die Forschungsfrage beschäftigt, wie es zu diesen Sterberaten kommen konnte. Grundsätzlich gab es in Bethel eine unterschiedliche Ernährung der leistungs- und der "nicht arbeits- und gemeinschaftfähigen" PatientInnen und Pfleglinge. Viele der Pfleglinge sind an Hunger ("Marasmus") und Infektionskrankheiten gestorben, obwohl die Anstalt eine gute Versorgungslage hatte und über ausreichende Medikamente verfügte. Da das Bethelbuch weitgehend ein Quellenbuch ist, habe ich eine Reihe von Aktenauszügen, Tabellen und offiziellen Stellunganhmen zu diesem Thema veröffentlicht. Hinzukommt, dass die maßgeblichen Bethelärzte mit "aktiven und passiven Immunisierungen", u.a. auch mit Tuberkuloseimpfungen gearbeitet und damit angeblich "die besten Heilerfolge" erzielt haben. Außerdem arbeitete Bethel mit der zentralen "Euthanasie"verwaltung in Berlin (T 4) zusammen. Bethel war in der NS-Zeit NSDAP-Hochburg, die Ärzte traten geschlossen 1937 in die NSDAP ein, der Anstaltsleiter Friedrich von Bodelschwingh d.J. (1877 - 1946) war 1938 Mitinitiator des Treueides auf Hitler, den die Betheler Theologen leisteten.

Im Gegensatz zu den Pflegehäusern - dort sind noch etwa 3000 Patientenakten erhalten, aber bis heute nicht wissenschaftlich ausgewertet - wurden die Akten des Kinderkrankenhauses, die Akten über die Erbgesundheitskartei, die Akten der betheleigenen Pathologie und viele Verwaltungsakten vernichet. Deshalb habe ich auf andere Quellen, z.B. die medizinischen Lehrbücher der leitenden Ärzte, ihre Schriftwechsel mit von Bodelschwingh und bethelinterne Veröffentlichungen, zurückgegriffen. Der Chefarzt des Kinderkrankenhauses, Fritz von Bernuth, war ein überzeugter Rassenhygieniker und Antisemit. Aus seinen schriftlichen Äußerungen:

Ein Volk, das in seiner Bevölkerungszahl herabsinkt, steht am Anfang seines Endes. Rom und Griechenland sind am Geburtenrückgang zugrunde gegangen. Uns drohen Gefahren von Osten und Westen. Polen wird in 50 Jahren seine Bevölkerungszahl verdoppelt haben, dann werden wir, wenn es bei uns so bleibt, 50 Millionen zählen. Polen wird 60 Millionen zählen und bei uns einrücken. Die andere Gefahr ist der französische Neger: Paris hat bereits 40 000 Mulatten. Hohe Staatsämter sind schon in den Händen von Negern. Alle Einwände wirtschaftlicher Art und ähnliche sind nicht stichhaltig gegen diese furchtbaren Tatsachen. Wir haben heute vielfach das Einkind- oderKeinkindsystem. Hier muss die Schwester auch aufklärend wirken. Eine zweite Gefahr ist der Rassenniedergang. In der Natur wird durch den Kampf ums Dasein das Schwächliche ausgemerzt. Wenn in einem Volk der minderwertige Teil der Bevölkerung sich stark vermehrt, dann geht es abwärts. Minderwertige Individuen vermehren sich leider sehr stark. Wir haben jetzt sehr gründliche Einblicke in die Vererbungsfrage bekommen. (…) Was bisher kranken Kindern zugutekam, muss nun gesunden Kindern zugutekommen.(….) Jedenfalls müssen wir uns klar machen, dass wir die Pflicht haben, das Leben unseres Volkes gegen die verderbbringenden Mächte zu schützen. Rasseselbstmord ist ebenso verwerflich wie persönlicher Selbstmord. Es ist naturwidrig, dass Rassen sich miteinander kreuzen. (…) Bei der Judenfrage ist die Lage im Prinzip ähnlich. Wir stehen heute zwischen der schwarzen und gelben Gefahr und müssen alles tun, um sie abzuwehren. Auch wir als Christen haben die Pflicht, unserem Volk zu helfen, sich im Kampf der Völker zu behaupten.

Aber wie sind die Kinder gestorben? Zum einen propagierte auch von Bernuth die Impfungen, z.B. gegen TBC, die in der NS-Zeit zu Medizinexperimenten wurden. In den Betheler Akten der Pfleglinge gibt es viele Hinweise auf tuberkulöse Geschwüre, obwohl die Impfungen selbst nicht dokumentiert sind und Bethel nur körperlich gesunde Kinder und Erwachsene aufnahm. Ein Hauptmedikament war in der gesamten Anstalt Luminal, ein Mittel, das gegen Epilepsie, aber auch allgemein zur Beruhigung eingesetzt wurde. Hunger plus fettarme Ernährung und Luminal war die Tötungsformel innnerhalb der psychiatrischen Anstalten, also eine äußert gefährliche Kombination. Hinzukamen Narkotika, Insulin- und Elektroschocks. Bethel hatte im Gegensatz zu vielen anderen Anstalten und Krankenhäusern keinen Mangel an Medikamenten und Geld.
Im Kinderkrankenhaus läßt sich vor allem der Tod durch Ernährungsstörungen nachweisen. Von Bernuth war zu recht der Ansicht, dass Muttermilch die beste Ernährung für Säuglinge ist, gleichzeitig propagierte er, dass Frühgeburten und Kleinkinder nach Bethel gebracht wurden, die nicht mit Muttermilch ernährt werden konnten. Die Kinder kamen aus dem gesamten Regierungsbezirk Minden, also von weither. Sie mussten also künstlich ernährt werden. Letztlich entschieden die Ärzte - wie in ganz Bethel - über die Zusammensetzung der Ersatznahrung und über den Zeitpunkt und die Art der Fütterung. Durch Ersatznahrung geschwächte Kinder waren besonders anfällig für Darm- und Lungeninfektionen, die Haupttodesart im Kinderkrankenhaus. Da der Anstieg der Kindersterblichkeit 1938/39 ansetzte und 1940 einen ersten Höhepunkt fand - in diesem Jahr starben 278 Kinder, 21,5 % aller Aufgenommen - gehe ich von bewussten und fahrlässigen Tötungen im Kinderkrankenhaus aus, anders ist die hohe Sterberate bei den Kindern nicht zu erklären.

Widerstand und Widersprüche

Von Bodelschwingh war Theologe und national-konservativer Politiker. Er stand antisemitischen, "eugenischen" und "rassehygienschen" Positionen nahe. Bereits 1931 hatte er sich auf der Treysaer Konferenz der Inneren Mission für Zwangssterilisationen ausgesprochen und eine "differenzierte" Fürsorge einerseits für diejenigen, die ihre Leistungsfähigkeit wieder erlangen konnten und andererseits für die "Anderen" also diejenigen, die dauernd pflegebedürftig waren, mitgetragen. Die "Sterbehilfe", definiert als "künstliche Fortschleppung erlöschenden Lebens", wurde von der "Euthanasie", der "künstlichen Abkürzung einer körperlichen Auflösung" auf dieser Konferenz abgegrenzt. Wie Ernst Klee zu recht aufgezeigt hat, erwies sich diese Position in der Zeit der "Sichtung" und Behinderten"ausmerze" als Einfallstor für die Krankenmorde. Bodelschwinghs Haltung dem NS-Staat gegenüber war "loyal, aber elastisch" und vom Gedanken geprägt, die Anstalt und soviele Kranke wie möglich durch Verhandlungen zu retten Sah er diese Rettungsmöglichkeiten, die er in erster Linie als "Liebe" für die Kranken definierte, nicht, so gab er aus "vorauseilendem Gehorsam" und dem Gedanken des "kleineren Übels" heraus nach. Das hatte zur Folge, dass selbst nach dem Hitlerschen Gaskammer"Euthanasie"stop im August 1941 noch viele Pfleglinge, an die staatlichen Behörden ausgeliefert wurden und in anderen Anstalten starben. Die jüdischen PatientInnen und Pfleglinge waren die ersten, die im September 1940 in den Gaskammern starben. Bodelschwingh war der zuständige Pastor für das Kinderkrankenhaus. Es gibt eine Reihe von Kindergeschichten von ihm, in dem er den Tod als "eigentliche Geburt" bezeichnet.
Bodelschwinghs Widerstand, der soweit ersichtlich auch viele Menschenleben gerettet hat, und im wesentlichen auf den Verhandlungen mit dem obersten "Euthanasie"beauftragten Karl Brandt beruhte, wird in der heutigen "Euthanasie"-Diskussion zu Bethel einseitig überhöht. Das lenkt damit auch von der Frage ab, was wirklich in der Anstalt, insbesondere bei den Todesfällen geschehen ist.
Widerständig war der Chefarzt von Magdala, Karsten Jaspersen, der jüdische PatientInnen rettete und Akten mit dem Vermerk "nicht erbkrank" versah.
In den Bethelakten gibt es vielfältige Zeichen von alltäglichem menschlichen Widerstand, vor allem durch Angehörige, Hausmütter und Hausväter und viele Diakonissen, die sich von ihrem Pflegeauftrag nicht durch ideologische Vorgaben abbringen liessen. Auf der anderen Seite waren auch sie in die Tötungen verstrickt. Das Kinderkrankenhaus "Sonnenschein" war Diakonissenkrankenhaus der Stiftung Sarepta und stand unter ihrer Leitung.
Ab 1933 wurden von außen wiederholt Versuche unternommen, Bodelschwingh und Bethel von dem staatstreuen Kurs abzubringen, z.B. durch Marga Meusel, Elisabeth Schmitz und einem Neffen Bodelschwinghs, Ernst Wilm. Er wurde wegen seiner Aktivitäten gegen die "Euthanasie" im KZ Dachau bis 1945 inhaftiert.

Nach 1945 nahm die Anstalt viele NS-Täterinnen und - täter auf. Ernst Gerke, der Gestapochef von Breslau und Prag, Herta Oberheuser, eine Ärztin, die im Konzentrationslager Ravensbrück an Medizinexperimenten beteiligt war, und Wilhelm Heiden, ein Verwaltungsfachmann aus den berüchtigten Tötungsanstalten Tiegenhof und Kosten sind nur einige von ihnen. Parallel dazu wurde der Gedanke an einen "erfolgreichen Menschenversuch" in Bethel nicht aufgegeben. Zu dem 1957 geplanten Sterilisierungsgesetz schrieb der damalige Anstaltsleiter Friedrich von Bodelschwingh, ein Neffe des früheren Anstaltsleiters:

Ebenso wie die Medizin mit ihren Erfolgen in vielen Fällen selbst der Anlass ist, die Sterilisierungsfrage zu stellen, in dem sie erreicht, dass die Kranken in ein fortpflanzungsfähiges Alter kommen, ist es das Gleiche bei der allgemeinen Fürsorge (…) So würde ich also in einer Unterlassung (des Gesetzesvorhabens) eine Verletzung des 5.Gebotes erblicken.
Wir haben die positive Pflicht hier ein Gesetz zu schaffen, das die Möglichkeit der Hilfe und des Schutzes gibt. Dieses umso mehr, als der Tod, der bisher auf seine Weise Eugenik trieb, bei vielen vererbbaren Krankheiten nicht mehr als Verhinderer von kranker Nachkommenschaft auftritt.

1950 hatte der damalige leitende Artz der Anstalt, Gerhard Schorsch, in einem Aufsatz öffentlich mitgeteilt, dass in Bethel "die Hälfte aller Idioten die Pubertät nicht erreichen."

Die bekannteste Bethelpatientin ist Dorothea Buck. Sie ist 1936 in Bethel ohne ihr Wissen zwangssterilisiert worden. Zu den widersprüchlichen Seiten von Bethel schrieb sie: "Das Unmenschliche geschah lautlos neben dem Alltäglichen".

Die heutige Diskussion

Seitdem ich Bethel auf die toten Kinder des Kinderkrankenhauses aufmerksam gemacht habe, reagiert die Anstaltsleitung mit Abwehr und Diffamierungen meiner Person. Ich hatte ihnen das Rohmanuskript zugeschickt, um einen Dialog zu initiieren. Stattdessen entzog mir die Anstalt sämtliche Bildrechte für das Buch, Akten verschwanden aus dem Hauptarchiv, mir wurde mit "heftigsten Rezensionen" im Falle des Erscheinens des Buches gedroht. Die Anstalt bestreitet bis heute die erhöhten Todeszahlen und hält die Hungertoten und den Tod der Kinder für "natürlich". Die Forderung nach einer unabhängigen Forschung ist bisher ohne Resonanz geblieben.

Barbara Degen, Bonn, Oktober 2014

Barbara Degen: Lesung am 19.10.2014, 11.30 Uhr (Sonntagsmatinee) im Haus der FrauenGeschichte, Bonn aus dem Buch:

Bethel in der NS-Zeit - Die verschwiegene Geschichte, VAS-Verlag Bad Homburg 2014 , 367 Seiten 24,80 Euro

Thema: Mütterlichkeit, Liebe und Fürsorge im Nationalsozialismus

Die Diskussion im Anschluss an die o. g. Lesung war lebhaft, vielschichtig und gekennzeichnet von nachdenklichen und kompetenten Beiträgen. Es fiel auf, dass eigene Erfahrungsgeschichten thematisiert wurden und offen zu gegenwärtigen Fragestellungen Bezug genommen wurde.
Schwerpunkt des Buches ist die Widersprüchlichkeit in Worten und Handlungen der Anstalt Bethel sowie die Ausleuchtung der Grauzone zwischen TäterInnen und Opfern.
Die Beiträge der Diskutierenden richteten sich auch zunächst an dieser Thematik aus und hinterfragten dann die Eugenik - Problematik in Deutschland allgemein. Dabei ergab sich, dass wegen der NS - Geschichte hier ein sehr viel kritischerer Standpunkt eingenommen wird als in anderen europäischen Ländern, in denen z. B. die Sterbehilfe weiterhin legalisiert wird. Der Eugenik - Begriff wurde weit gefasst, indem auch auf die weltweite Zunahme von Schönheitsoperationen hingewiesen wurde. Auch die Frage der Inklusion wurde gestreift. Die Versichertenfrage der Hebammen hierzulande scheint auch nur als Vorwand zu dienen, um die patriarchalen Strukturen im Zugriff auf Frauen zu sichern.

Die Erweiterung der medizinischen Möglichkeiten erfordert eine weitgehende Festlegung der Frage: Welches Menschenbild vertreten wir? Wenn wir Menschsein in der Gesamtheit seiner Erscheinungsformen anerkennen, müssen wir Rahmenbedingungen schaffen, die es Frauen ermöglichen, sich wirklich frei zum Gebären entscheiden zu können.

Eine berührende Ausführung machte Barbara Böttger, die über ihr Filmprojekt für den MDR berichtete, das im Januar 2015 ausgestrahlt werden wird. Sie erzählt darin einen Teil ihrer Familiengeschichte. Ihr Onkel, ein hoher SS - Offizier, erschoss vor Einmarsch der Russen seine Frau, seine fünf Kinder und sich selbst. Er hatte das auch seiner Schwester, Barbara Böttgers Mutter, empfohlen, die das jedoch ablehnte und ihm als Kriegerwitwe anbot, wenigstens seine Kinder aufzunehmen.

Es stellte sich abschließend die Frage, ob sich die Pervertierung der Mütterlichkeit im NS - Staat nicht als generalisiertes Problem der deutschen Gesellschaft heute offenbart.

Die Schwierigkeiten, die Barbara Degen zunehmend bei ihrer Recherchearbeit in Bethel erfuhr, wurden am Rand gestreift und stießen grundsätzlich auf Unverständnis.

Professorin Dr. Annette Kuhn, c/o Haus der FrauenGeschichte, Wolfstr. 41, 53111 Bonn

Buch-Besprechung:

Barbara Degen, "Bethel in der NS-Zeit. Die verschwiegene Geschichte", VAS-Verlag, Bad Homburg 2014, 367 Seiten, 24,80 Euro

Im Garten des Hauses der FrauenGeschichte in Bonn betrachte ich die Gedenksteine für die Frauen von Ravensbrück. Barbara Degen hat sie dem Haus gestiftet, als sie an ihrem Buch "Das Herz schlägt in Ravensbrück - Die Gedenkkultur der Frauen" (Opladen 2010) arbeitete. Über die Tötungsanstalt in Branitz hatte sie schon ein Buch veröffentlicht: "Leuchtende Irrsterne - das BranitzerTotenbuch", "Euthanasie" in einer katholischen Anstalt. Frankfurt a. M. 2005.

Mit dieser Veröffentlichung zu Bethel vertieft und erweitert Barbara Degen ihre bisherigen Studien in einer entscheidenden Weise: im Kinderkrankenhaus "Sonnenschein" in Bethel, einer Heil- und Pflegeanstalt der Evangelischen Kirche, starben in der NS-Zeit über 2.000 behinderte und nichtbehinderte Kinder. Eine unfassbare Tatsache.

Obgleich Barbara Degen die neuesten, einschlägigen Veröffentlichungen beachtet, bezeichnet sie den gegenwärtigen Umgang mit der Geschichte Bethels in der NS Zeit als eine "verschwiegene Geschichte". In diesem Sinne knüpft sie in ihren Argumentationen an die jüngsten Forschungen an. Arbeiten aus der feministischen Forschung (z.B. Marielouise Janssen-Jurreit, Frauen und Sexualmoral, 1986) und aus der historischen Frauenforschung (z.B. Heide-Marie Lauterer-Pirner, Liebestätigkeit für die Volksgemeinschaft, 1994) werden kritisch und konstruktiv herangezogen. Dennoch ist ihre Einschätzung der "verschwiegenen Geschichte" aus meiner Sicht zutreffend.

Daher ist es zu begrüßen, dass Barbara Degen in ihrer neuesten Veröffentlichung zu diesem heute weiterhin kaum fassbaren Thema, der sogenannten Euthanasie, der Thematisierung des Grenzgebietes zwischen Sterbehilfe, Töten und Morden, nach Antworten sucht.

Sie scheut sich nicht, die entscheidenden Fragen zu stellen. Entsprechend hat sie noch einmal entscheidende Archivbestände herangezogen, neue Quellen erschlossen und entsprechend ihrer Ausgangsfrage ausgewertet. Hierin liegt der besondere Verdienst dieser Arbeit.

Barbara Degen liest die Quellen nach der klassischen, hermeneutischen Methode im Bemühen um ein möglichst großes Verstehen. Zugleich bedient sie sich der sozialwissenschaftlichen Methode der statistischen Auswertung und Vergleiche. Allerdings geht sie methodisch weiter. Die abgedruckten Bilder, die von dem Leid der Betroffenen zeugen, verdienen eine eigene Würdigung. Durch ihren Umgang mit der Quellenvielfalt gibt Barbara Degen den Opfern eine eigene Stimme.

Sowohl durch ihre leitenden Fragestellungen als auch durch ihre methodische Vorgehensweise versucht Barbara Degen, das unsichere Grenzgebiet Euthanasie, auf dem es stets um eine Unterscheidung zwischen Sterbehilfe, Töten und Mord ankommt, wissenschaftlich klarer zu fassen. Und gerade dieses Unterscheidungsvermögen ist nicht nur eine Voraussetzung für die Arbeit an diesem Thema. Dieses Unterscheidungsvermögen ist auch das Erkenntnisziel, das der Arbeit von Barbara Degen zugrunde liegt.

Damit stehen die Sprache der Quellen und die Sprache der Interpretin stets zur Diskussion. Wann wird von Sterbehilfe, wann von Tötung, wann von Mord gesprochen? Die Quellen in dieser Zeit suggerieren eine Übereinstimmung von "Menschlichkeit" und "gesundem Volksempfinden": "Aus Gründen der Menschlichkeit und im Einklang mit dem gesunden Volksempfinden…(S.245)".

Hier ist eine wissenschaftliche Vorgehensweise gefragt, die von der traditionellen, quellenkritischen Methodik allzu wenig beachtet wird. Denn die Sprache der Täter wurde auch von Gegnern des NS-Systems in bestimmten Zusammenhängen bewusst gesprochen.

Barbara Degen gelingt hier ein differenziertes Vorgehen, das nach meiner Einschätzung dieser schwierigen Interpretationslage gerecht wird.Vor allem an der Darstellung des Verhaltens des Anstaltsleiters Friedrich von Bodelschwingh d.J. (1877 -1946) , der sich 1929 gegen die sogenannte Euthanasie aussprach und der die Tötung von über 2.000 Kindern als "kleineres Übel" zuließ, wird der Konflikt sichtbar, in dem alle in Bethel handelnden Personen, Ärzte, Ärztinnen, Diakonissinnen und das gesamte Pflegepersonal standen.

Dieser Konflikt wird von Barbara Degen in seinen unterschiedlichen, subjektiven und objektiven, moralischen und politischen Dimensionen offengelegt. Dadurch werden auch die widersprüchlichen Zumutungen sichtbar, die in diesem Grenzgebiet zwischen einer christlich gedeuteten Barmherzigkeit und einer zutiefst erfahrbaren Unmenschlichkeit liegen. Gerade in dem Umgang mit diesen widersprüchlichen Zumutungen zeigt sich die besondere Stärke dieser Arbeit.

Barbara Degen meidet moralisierende Beurteilungen. Zugleich macht sie deutlich, dass eine Unterscheidung zwischen Hilfe, Tötung und Mord im Einzelfall durchaus möglich war. Damit gewinnt der Gedanke an die Möglichkeiten des Widerstandes gegen das NS-System des systematischen Mordens wieder an Boden. Dadurch, dass Barbara Degen in diesem Zusammenhang an die Denkschrift von Elisabeth Schmitz von 1935, die an das christliche Gewissen der Männer der Evangelischen Kirche appellierte, erinnert, stellt sie ihre Studie zu Bethel in der NS- Zeit in einen größeren, historischen Zusammenhang.

Barbara Degen konzentriert sich nicht nur auf "Bethel in der NS-Zeit". Sowohl durch ihren stark biographisch bestimmten Ansatz, ihre Behandlung der sogenannten Eugenik in der Weimarer Republik und in der Nachkriegspolitik nach 1945 als auch durch die Verwendung künstlerischer Quellen und inzwischen vergessener Arbeiten aus der unmittelbaren Nachkriegszeit (z.B. die Arbeit von Alice Platen-Hallermund zur Tötung Geisteskranker in Deutschland von 1948) hat Barbara Degen die Fragen um diesen entscheidenden Zeitraum der 12 Jahre von 1933 bis 1945 erweitert. Somit hat sie unseren Blick auf die noch offenen Fragen nach Kontinuität und Diskontinuität, nach Normalität und nach den Abweichungen von einer Normalität gerichtet. Die Gegenwartsrelevanz ihrer historischen Forschungen ist unabweisbar.

Ich habe dieses Buch gelesen in Erinnerung an die Gedenksteine an die Frauen von Ravensbrück, die im Garten es Hauses der Frauengeschichte in Bonn liegen. Denn das Buch von Barbara Degen ist ein Buch der Trauer. Es ist aber noch mehr:es wirft Fragen auf, die mich nicht zur Ruhe kommen lassen. Im Haus der FrauenGeschichte hängen Tafeln, die Barbara Degen aus ihrer Ausstellung "Justitia ist eine Frau" dem Haus gestiftet hat. Diese Tafeln können uns weiter helfen. Allerdings sollte an dieser Stelle noch ihr Buch"Justitia ist eine Frau, Geschichte und Symbolik der Gerechtigkeit" aus dem Jahr 2008 zu Rate gezogen werden.

Gilt es doch, dieses neue Buch Barbara Degens zu den Tötungen und Morden in Bethel und zu dem widerständigen Verhalten in dieser Anstalt in einen allgemeinen, historischen Zusammenhang zu stellen.

Annette Kuhn

Bonn 2014

Bethel - Stellungnahme Barbara Degen zu den Angriffen von Bethel

Bethel hat in einer umfangreichen Stellungnahme zu den angeblichen Fehlern in meinem Buch zu "Bethel in der NS-Zeit - Die verschwiegene Geschichte" (VAS - Verlag 2014) Stellung genommen und mich dabei in meiner wissenschaftlichen Arbeit abqualifiziert. So detailliert die Gegenargumente zu sein scheinen, so sehr erwecken sie bei mir den Eindruck, dass damit von der entscheidenden Frage abgelenkt werden soll: Warum hat Bethel seit 1945, also seit fast 70 Jahren, nie die Todeszahlen in der NS-Zeit untersucht? Wieso verweigert die Anstalt bis heute die Antwort auf die Frage, was sie selbst über die Hungerpsychiatrie, über die vielen toten Kinder im Kinderkrankenhaus und über die medizinischen Grenzüberschreitungen weiß?
Es gibt ca. 3000 Akten aus den Pflegehäusern. Wieso wurden diese Akten nie wissenschaftlich untersucht, obwohl das einige Forscher bereits gefordert hatten? Und nicht zuletzt: Warum werden in der bisherigen NS-Forschung die rassistischen, antisemitischen und menschenverachtenden Äußerungen von Bodelschwingh, Pastor Meyer und den leitenden Ärzten nicht erwähnt?
Es kommt mir bei den Angriffen so vor, als würde Bethel mir die Last der Aufarbeitung aufbürden, die die Anstalt selbst nicht tragen will.
Besonders problematisch erscheint mir die Kritik von Uwe Kaminsky. Es ist selbstverständlich, dass ich als Forscherin auf den Vorarbeiten derjenigen aufbaue, die vor mir zu den anstehenden Fragen geforscht haben. Nach meinem Verständnis sollte sich eine wissenschaftliche Arbeit aber vor allem auf die Fragestellungen beziehen, die neu und klärungsbedürftig sind. Noch befremdlicher erscheint mir sein Vorwurf, ich habe "Nächstenliebe" nicht definiert. Ich hatte bisher nicht gedacht, dass das bei einer christlichen Anstalt notwendig ist.

Die Vorwürfe gegen mich sind inhaltlich nicht begründet. Zwar kann ich nicht ausschließen, dass alle Details geklärt sind - kein Forscher, keine Forscherin kann das. Aber es handelt sich hier um eine Pionierarbeit vor dem Hintergrund der bisher nicht in Angriff genommenen Fragen.
Ich selbst habe in dem Buch immer wieder auf die Schwierigkeiten der Forschung und meine Grenzen als Einzelforscherin hingewiesen. Bewußt heißt das Einleitungskapitel deshalb: "An ein paar zufälligen Punkten etwas Licht fallen lassen" (Beginn der Denkschrift von Elisabeth Schmitz, 1935). Hinzu kommt, dass die Aktenführung in der NS-Zeit nicht korrekt war, viele Verwaltungsakten wurden vernichtet. In den Patientenakten widersprechen sich häufig Angaben oder sind unvollständig.

Die Kritik Bethels kam zu einer Zeit, als das Buch erst einige Tage auf dem Markt war. Eine gründlichere Lektüre sollte eigentlich die in der Kritik angeschnittenen Fragen klären. Nach wie vor hoffe ich, dass Bethel seine Abwehrhaltung überdenkt, unabhängige Forschungen finanziert und souveräner auch zu den Fehlern der eigenen Vergangenheit stehen kann. Nur so ist aus meiner Sicht ein konstruktiver Diskurs über die Handlungsmöglicheiten und ihre Grenzen in der NS-Zeit möglich - auch über Bethel hinaus.

Barbara Degen, 20.9.2014

Download des Info-Flyers zum Buch

Pressekontakt über Cordula Dienst, Journalistin, hdfg.presse [at] gmx.de

HdFG Haus der FrauenGeschichte
Wolfstrasse 41, 53111 Bonn
Tel.: +49 (0)228-98 143 689

info [at] hdfg.de
Homepage: www.hdfg.de
Das Haus der FrauenGeschichte bei Facebook Besuchen Sie uns auch auf Facebook:
www.facebook.com/Haus.der.FrauenGeschichte

Öffnungszeiten: Mittwochs, 10.00 bis 15.00 Uhr
Führungen: Mittwochs, um 11:00 Uhr, sowie am letzten Samstag des Monats, 15.00 Uhr, oder nach Vereinbarung. An Führungssamstagen hat das Haus von von 13:00 bis 17:00 Uhr geöffnet.

boost
Über die Spendenplattform boost haben Sie die Möglichkeit uns durch Ihre Onlinekäufe zu unterstützen, ohne dass Ihnen weitere Kosten entstehen. Z.B. bei der Online-Buchung Ihrer Fahrkarte bei der Deutschen Bahn. Sie müssen sich lediglich einmalig bei boost registrieren und bei Ihren Käufen den kleinen "Umweg" über das boost-Portal nehmen. Ein kleiner Prozentsatz des Kaufpreises wird dann automatisch von boost an die von Ihnen unterstützte Organisation abgeführt. Ihre boost-Spende geht an die Trägerin des HdFG, die Annette-Kuhn-Stiftung. Allen UnterstützerInnen gilt unser herzlicher Dank!

Wenn Sie diese E-Mail-Nachrichten nicht mehr erhalten möchten, beantworten Sie diese Nachricht bitte mit »Abonnement kündigen« in der Betreffzeile, oder klicken Sie einfach auf Abonnement kündigen.

Die Suchmaschine, die spendet. - Über Ihre Suchanfrage bei benefind.de unterstützen Sie z.B. das Haus der FrauenGeschichte.