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Buchvorstellung: "Das Herz schlägt in Ravensbrück"- Die Gedenkkultur der Frauen

 
  Das Herz schlägt in Ravensbrück

"Das Herz schlägt in Ravensbrück" - Die Gedenkkultur der Frauen - unter diesem Titel wird im Herbst 2010 ein Buch von mir er­schei­nen, das die Stim­men der Frau­en, vor al­lem aus dem Kon­zen­tra­tions­la­ger Ra­vens­brück, aber auch aus an­de­ren KZs ins Zen­trum stellt. Die Frau­en aus Ra­vens­brück ha­ben un­end­lich vie­le Zeug­nis­se hin­ter­las­sen. Sie spre­chen nicht nur das Leid, das E­lend und die Gräu­el an, son­dern be­schrei­ben e­ben­so in­ten­siv und häu­fig sehr po­e­tisch die so­zi­ale Für­sor­ge un­ter­ein­an­der und den all­täg­li­chen Wid­er­stand, der sich in vie­len mensch­li­chen Ges­ten und Hilfs­maß­nah­men aus­drückt. Bei­des ist nicht von­ein­an­der zu tren­nen. In Ra­vens­brück war u.a. die E­li­te der eu­ro­pä­isch­en Frau­en­be­we­gung in­haf­tiert. Es wa­ren die kom­mu­nis­tisch­en Jü­din­nen und die kran­ken und schwa­chen Frau­en, die als Ers­te ab An­fang 1942 den Mas­sen­de­por­ta­tio­nen und dem Mas­sen­mord zum Opfer fielen. Viele Frauen aus Ra­vens­brück wur­den ge­zwun­gen, 1942 das gro­ße Frau­en­la­ger in Au­schwitz-Bir­ke­nau auf­zu­bau­en. Be­ein­dru­cken­de To­ten­kla­gen zei­gen, dass die Er­in­ne­rung an die To­ten zu dem wich­ti­gen "Schatz" der Er­in­ne­run­gen aus die­sem Ort ge­hört.

Das Buch will auch zeigen, wie die ü­ber­le­ben­den Frau­en nach 1945 Ein­fluss auf die Po­li­tik ge­nom­men ha­ben, in vie­len Lan­des­par­la­men­ten, auf die NS-Pro­zes­se, beim Auf­bau der Mahn- und Ge­denk­stät­te Ra­vens­brück und durch die Ak­ti­vi­tä­ten der na­tio­na­len und in­ter­na­tio­na­len La­ger­ge­mein­schaf­ten. In ei­nem Ka­pi­tel wird am Bei­spiel Düs­sel­dorf deut­lich, wie die Ra­vens­brücker Ak­ti­vi­tä­ten in die Ar­beit der ört­li­chen Mahn- und Gedenkstätten eingeflossen sind und einfließen. Interviews einer jungen türkischen Muslimin zur Zukunft der Mahn- und Gedenkstätten, werfen die gegenwärtigen Fragen auf, die sich nicht nur für Ravensbrück stellen. Die Vielfalt der Aktivitäten und die Kraft der Frauen strahlt bis heute auf die politische Kultur aus. Sie wird auch in den Bildern der Malerinnen deutlich, die in und nach ihrer Zeit in Ravensbrück gezeichnet und gemalt haben. Der differenzierte Blick der be­trof­fe­nen Frauen auf die Täterinnen (Ravensbrück war Ausbildungslager für die KZ-Aufseherinnen) un­ter­läuft ein­fache Schwarz-Weiß-Ein­ord­nun­gen und ist ein Beitrag zur Klä­rung des Ver­hält­nis­ses von Tä­ter/in­nen und Opfern.
Ravensbrück war trotz aller Bemühungen des NS-Staates kein hermetisch abgeschlossener Ort, son­dern durch viele Fä­den mit der Au­ßen­welt ver­bun­den. Schon in Ra­vens­brück wur­den die Zeug­nis­se für die "Zeit da­nach" ge­sam­melt und aus dem La­ger ge­schmug­gelt: Brie­fe und Päck­chen stell­ten die Ver­bin­dung zu An­ge­hö­ri­gen und Freun­den und Freun­din­nen her. Wan­da He­ger, ei­ner jun­gen nor­we­gi­schen Ju­ra­stu­den­tin, ge­lang es so­gar, Zu­tritt in das La­ger zu be­kom­men und Hilfs­maß­nah­men, bis hin zur Ret­tung von ca. 7500 Ge­fan­ge­nen durch das Schwe­di­sche Ro­te Kreuz zu ini­ti­ieren und mit zu ko­or­di­nie­ren. Am 8. März 1945 - so be­rich­tet sie stolz - stan­den die wei­ßen Bus­se in Schwe­den be­reit, um Ge­fan­ge­ne ins Aus­land und in Si­cher­heit zu brin­gen.
Die Verknüpfung mit den Frauen, die kritisch zum NS-Staat standen, wird durch Zeugnisse von Frau­en im Exil, z.B. An­na Se­ghers, und durch Kunst­werke von Ma­le­rin­nen und Dich­te­rin­nen ge­zeigt, die welt­weit em­pört, er­schüt­tert und nach­denk­lich auf das NS-Sys­tem re­a­gier­ten. Auch auf der E­be­ne von Bil­dern und Ge­dich­ten wird da­mit ei­ne po­li­ti­sche Frau­en­kul­tur sicht­bar, die durch die zwölf Jah­re ent­setz­li­cher Ty­ran­nei, Krieg und Mas­sen­mor­de nicht zer­stört wer­den konn­te.

Das Buch erscheint im Herbst 2010 im Budrich-Verlag, Le­ver­ku­sen-Op­la­den im Rah­men der Schrif­ten­rei­he des Ver­eins “Haus der Frau­en­Ge­schich­te e.V.” Es hat ei­nen Um­fang von 378 Sei­ten und kos­tet 26,90 EU­RO (mit meist far­bi­gen Ab­bil­dun­gen) und ist ab Mit­te Sep­tem­ber im Buch­han­del er­hält­lich. Die His­to­ri­ke­rin Annette Kuhn und Mit­he­raus­ge­be­rin der Rei­he hat das Vor­wort ge­schrie­ben.

Das Buch wird öf­fent­lich am Don­ners­tag, den 21. Ok­to­ber 2010 um 18.00 Uhr in der städ­ti­schen Be­zirks­bib­lio­thek Bonn-Beuel (Brü­cken­fo­rum) im Rah­men ei­ner Le­sung und Dis­kus­sion vor­ge­stellt. Mit­ver­an­stal­te­rin­nen sind der Ver­ein Haus der Frau­en­Ge­schich­te e.V., die Annette-Kuhn-Stif­tung, Bonn, die AG Frau­en­ge­schich­te, Bonn, WIR FRAU­EN, die Beu­e­ler Ini­ti­a­ti­ve ge­gen Frem­den­hass, die La­ger­ge­mein­schaft Ra­vens­brück/Freun­des­kreis, die Mahn- und Ge­denk­stät­te Düs­sel­dorf, die E­van­ge­li­sche Mi­gra­tions- und Flücht­lings­hilfe Bonn, die Ger­da-Wei­ler-Stif­tung und die Mahn- und Ge­denk­stät­te Bonn.

Barbara Degen, Bonn, August 2010