Rezension

Rezension: „Hermine Heusler-Edenhuizen: Die erste deutsche Frauenärztin“ von Heyo Prahm

Isabel Busch, Dezember 2016/März 2020
Buchcover History, Fiction and the Tudors

Das Werk, das von Heyo Prahm herausgegeben wird, umfasst die Memoiren von Hermine Heusler-Edenhuizen, die erste in Deutschland offiziell akzeptierte und niedergelassene Gynäkologin und Mitbegründerin des Bundes Deutscher Ärztinnen, die sich für Frauenrechte einsetzte.

Obwohl der Hauptteil aus Hermine Heusler-Edenhuizens eigenen Memoiren besteht, ist das Besondere dieser Ausgabe auch der Rahmen um die Erinnerungen herum. Der Herausgeber, Heyo Prahm, gehört selbst zur Edenhuizen-Familie (seine Großmutter war eine Cousine von Hermine Heusler-Edenhuizen) und hatte sie persönlich gekannt. Im Vorwort erläutert Prahm die Genese des Werks, das von Hermine Heusler-Edenhuizens Adoptivtochter, Frau Dr. Renate Hella Häußler, genehmigt wurde. Er hebt lobend hervor, dass Hermine Heusler-Edenhuizen Erwähnung findet in „Hundert Jahre Frauenstudium an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn“, herausgegeben von Professorin Dr. Annette Kuhn (an der Stelle liegt ein Druckfehler vor, es steht „Kühn“ statt „Kuhn“) und Valentine Rothe.

Rosemarie Nave-Herz, die ein Standardwerk zur Geschichte der Deutschen Frauenbewegung verfasst hat, gibt dem Buch einen Rahmen im soziologischen Kontext und zeichnet den Kampf um Mädchen-und Frauenbildung in Deutschland nach. Die Einleitung durch Nave-Herz hilft den Leser*innen die sozial-politischen Bedingungen und Umstände, die zum Verständnis der Biografie Hermine Heusler-Edenhuizens notwendig sind, begreifbar zu machen.

Der Hauptteil gibt Hermine Heusler-Edenhuizens Erinnerungen in Reinform wieder. Es fällt direkt auf, dass sie in der Retrospektive ihre Kindheit klug analysiert. Bei ihrer Analyse der Zeit im Mädchenpensionat kommt ihre scharfe rückblickende Beobachtungsgabe zur Geltung: „In Bezug auf meine geistige Weiterentwicklung war das Pensionsjahr wohl vergeudete Zeit, aber es hat mich psychisch gefördert, mich härter gemacht und mir zwei wertvolle Freundschaften gebracht“ (39). Sie benennt den Moment, als sie in der Buchhandlung auf Helene Langes Traktat „Was wir wollen“ stieß und auf ihre Gymnasialkurse aufmerksam wurde, als Schlüsselerlebnis. Im Folgenden beschreibt sie den Weg, den sie fortan beschritt, und der steinig war, aufgrund der Voreingenommenheit gegenüber Mädchen- und Frauenbildung. Sie beschreibt anschaulich das „Mobbing“, das sie und Frida Busch von ihren männlichen Berliner Kommilitonen erfuhren: „Wir mischten uns ja nur mit Grausen unter sie. Die bei unserem Eintritt in den Vorlesungsraum als Äußerung ihrer Mißbilligung regelmäßig mit den Füßen scharrten und dazu pfiffen“ (55).

Hermine Heusler-Edenhuizen bekundet, dass diese Erfahrungen maßgeblich dafür verantwortlich gewesen seien, dass sie sich ihr Leben lang unwohl bei einer Versammlung von Männern fühlte. Umso positiver fällt ihre Berichterstattung über ihr Studium in Zürich aus. Ihre Schilderungen zum Studium in Halle sind mit amüsanten Anekdoten angereichert. Ihre Anekdote zum Aufenthalt im von Diakonissen geführten „Marthahaus“ beginnt heiter, schlägt danach allerdings rapide ins Tragische um, als Hermine Heusler-Edenhuizen erzählt, dass die Oberschwester 1919 bei den Kommunisten-Kämpfen auf der Straße erschossen wurde. Sie äußert sich zur Frauenkleidung, und wie unkonventionelle Kleidung und Frisuren von der Umwelt mit Spott kommentiert wurde, was Hermine dazu veranlasst, darüber zu spekulieren, was die Personen von um 1900 zu den kurzen Röcken der 1950er Jahre gesagt hätten. Hermine Heusler-Edenhuizens Eindrücke von Bonn stellen eine amüsante Szene dar, da sie hier als reine Norddeutsche den Kulturschock mit dem Rheinland erlebt, insbesondere der rheinländische Frohsinn erscheint ihr befremdlich. Ebenso kann sie sich eine trockene, gleichwohl leicht bissige, Bemerkung zum Bonner Burschenschafts-Wesen nicht verkneifen.

Ihrer Enttäuschung über Frida Buschs Heirat verleiht Hermine Heusler-Edenhuizen ungefiltert Ausdruck, da sie das damit verbundene Ausscheiden Fridas aus dem Beruf der Ärztin (den sie nie ausgeübt hat) als „Verrat an unserer heiligen Sache“ ansieht (90). Hermine Heusler-Edenhuizen ging, nach eigenem Bekunden, zu der Zeit davon aus, dass sie Jungfrau bleiben würde. Es ist nicht verwunderlich, dass sie das Kapitel „Ehe und Familie“ mit den Worten einleitet: „Ich komme nun zu dem schwersten Kapitel meines Lebens, glaube aber davon sprechen zu müssen“ (101). Sie beschreibt, wie sie und der verheiratete Dr. Otto Heusler sich ineinander verliebten und lange gegen ihre Gefühle ankämpften, bis er sich zur Scheidung von seiner Frau entschloss, was zu einem Skandal in Bonn führte. Beeindruckend ist der Ehevertrag, den beide aufsetzten, da er eine vollkommen gleichberechtigte Ehe garantierte, ein absolutes Novum im Jahr 1912. Hermine Heusler-Edenhuizen schildert ihre eigenen Gedanken zu den Themen Hausarbeit und Vereinbarkeit von Beruf und Ehe, und nutzt dies, um allgemeine Ideen dazu vorzutragen. Im Sinne der Schriftstellerin Mary Wollstonecraft plädiert Hermine Heusler-Edenhuizen dafür, dass sich Frauen bestmöglich intellektuell bilden. In Bezug auf ihre (Adoptiv-) Kinder wird deutlich, dass Hermine Heusler-Edenhuizen und ihr Mann eine für die damalige (und heutige) Zeit ungewöhnliche Rollenverteilung lebten, und die Kinder nachweislich stolz auf ihre berufstätige Mutter waren.

Bezüglich ihrer Gedanken und Gefühle bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs geht Hermine Heusler-Edenhuizen umsichtig vor: Sie verschweigt nicht, dass sie und ihr Mann sich zunächst von der patriotischen Euphorie hatten anstecken lassen. Sie spricht an, wie seltsam es ihr in der Retrospektive vorkomme, dass sie nicht an die „Kriegsschrecken“ gedacht hatten. Sie beschreibt ausführlich von den Entbehrungen und dem Elend, das sie während des Krieges erlebte, und beweist erneut ihr erzählerisches Geschick durch Anekdoten und Zitate. In Bezug auf den Spartakusaufstand und Rosa Luxemburg macht Hermine Heusler-Edenhuizen keinen Hehl daraus, dass sie mit dem Kommunismus nichts anfangen konnte, von der talentierten Rednerin Rosa Luxemburg trotzdem tief beeindruckt gewesen sei.

Das Kapitel über den § 218 dürfte der Grund dafür sein, weshalb das Buch erst 1997 veröffentlicht wurde. Beim Thema Abtreibung ist Hermine Heusler-Edenhuizen einerseits der Meinung, die werdende Mutter hege von Natur aus einen Beschützerin-Instinkt gegenüber dem ungeborenen Leben, und verurteilt aufs Schärfste, dass es die Männer als Gesetzgeber seien, die abtreibende Frauen und diejenigen, die die Abtreibung vornehmen, bestrafen, aber nicht den „dazugehörigen Mann“ (155). Sie empört sich über Männer, die Frauen, die von ihnen schwanger sind, zur Abtreibung zwingen und beklagt die Doppelmoral. Andererseits ist sie Realistin und sieht, dass eine Kriminalisierung der Abtreibung dazu führt, dass Frauen ihr Leben bei illegalen Schwangerschaftsabbrüchen riskieren. Hermine Heusler-Edenhuizens Gedanken zu dem Thema und ihr Plädoyer für die Abschaffung des Paragrafen waren anscheinend lange Zeit zu radikal, um veröffentlicht zu werden.

Ebenso eindrücklich wie unbehaglich sind ihre Erzählungen zur NS-Zeit. Hermine Heusler-Edenhuizen versteht es auch hier, ihre Erfahrungen und beklemmenden Erlebnisse so lebendig zu erzählen, dass es den Leser*innen einen direkteren Zugang zu der Zeit ermöglicht. Mit der NS-Zeit und dem zweiten Weltkrieg beschließt Hermine Heusler-Edenhuizen ihre Autobiografie.

Im „biografischen Nachwort“ greift Heyo Prahm u.a. die Jahre nach 1945 im Leben von Hermine Heusler-Edenhuizen auf. Darauf folgt eine Nachbetrachtung, in der er Gedanken zu Geschlechterrollen und dem Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Frauen anstellt. Diese Gedanken wirken jedoch deplatziert und nicht kohärent.

Fazit: Hermine Heusler-Edenhuizen ist es gelungen, die Zeit, in der sie gelebt und gewirkt hatte, unmittelbar erfahrbar zu machen, indem sie ihre Gedanken und Emotionen aus der Vergangenheit so wiedergibt, als seien sie aktuell. Andererseits reflektiert sie über die Vergangenheit und wendet die Retrospektive an. Ihre Sprache ist generell lebendig und macht das Buch zu einer kurzweiligen Lektüre. Dadurch, dass sie ihre persönlichen Erlebnisse in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext bringt, und beweist, dass sie den sozial-politischen Zusammenhang scharf analysierte (und kritisierte), erlaubt sie einen Zugang zur Geschichte, der für die Frauengeschichte von zentraler Bedeutung ist. Sie positioniert sich eindeutig als Frauenrechtlerin. Dies war zu ihrer eigenen Zeit ein Wagnis, und scheinbar ist diese Positionierung es in der heutigen Zeit von Internetanonymität noch, wenn Frauen, die sich feministisch äußern, beschimpft und bedroht werden. Aber auch Themen wie Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder Schwangerschaftsabbruch und die freie Selbstbestimmung über den Körper haben kaum etwas an Aktualität verloren. Die Rahmentexte durch Rosemarie Nave-Herz und Heyo Prahm runden das Buch gekonnt ab. Das ausführliche biografische Nachwort Prahms dient hervorragend als Ergänzung zu Hermine Heusler-Edenhuizens Lebenserinnerungen.

Zum Buch

Prahm, Heyo (Hg.): Hermine Heusler-Edenhuizen: Die erste deutsche Frauenärztin. Lebenserinnerungen im Kampf um den ärztlichen Beruf der Frau. Mit einer Einleitung von Rosemarie Nave-Herz. Opladen, Berlin, Farmington Hills, MI: Verlag Barbara Budrich, 2011 (unveränderter Nachdruck der 3., aktualisierten und erweiterten Auflage). 251 Seiten, 24,90 €. ISBN-13: 978-3866494947.

Verfasst von

Isabel Busch, M.A., wissenschaftliche Mitarbeiterin Haus der FrauenGeschichte (HdFG), Bonn.

Empfohlene Zitierweise

Isabel Busch (2018/20): Hermine Heusler-Edenhuizen: Die erste deutsche Frauenärztin, in: Haus der FrauenGeschichte (HdFG), Bonn. URL: https://www.hdfg.de/blog//2020/04/rezension-hermine-heusler-edenhuizen