Rezension

Rezension: „Queenship and the Women of Westeros“

Isabel Busch, 25. August 2020

Dieser Sammelband ist das erste Werk, das sich ausschließlich mit den weiblichen Figuren der Romanreihe „A Song of Ice and Fire“ des Autors George R.R. Martin und der TV-Adaption „Game of Thrones“ aus frauenhistorischer Perspektive beschäftigt.

In der Reihe „Queenship and Power“, herausgegeben vom Verlag Palgrave Macmillan (Springer), erschien 2019 die Aufsatzsammlung Queenship and the Women of Westeros. Die Autor*innen in dieser Anthologie beschäftigen sich mit der weltweit berühmten Fantasyromanserie A Song of Ice and Fire (dt.: Ein Lied von Eis und Feuer) des amerikanischen Autors George R.R. Martin sowie mit der TV-Adaption der Romane, Game of Thrones. Ziel ist es, die politisch mächtigen Frauenfiguren aus Martins erfundener Welt in einen realhistorischen Kontext zu stellen.

Dieser Ansatz ist an sich nicht neu. Da Martin stets betont hat, dass er sich von realhistorischen Ereignissen, wie den Rosenkriegen in England, hat inspirieren lassen, liegt es auf der Hand, seine Romane beziehungsweise die Fernsehserie aus historischer Perspektive zu betrachten. Die Aufsatzsammlung konzentriert sich allerdings als erstes Werk überhaupt ausschließlich auf die Frauenfiguren aus frauenhistorischer Perspektive.

Inhalt

Die beteiligten Autor*innen erklären ausführlich das Verständnis von den drei politisch wirksamen Aspekten Macht, Autorität und Charisma im europäischen Mittelalter und der Frühen Neuzeit, und wie diese Aspekte historisch in einen Geschlechter-Kontext gebracht wurden. Es geht den Autor*innen zum einen darum, mittelalterliche beziehungsweise frühneuzeitliche Konzepte von Macht im Geschlechterkontext allgemein verständlicher zu machen. Zum anderen werden diese Konzepte auf die fiktive Welt von Martin angewendet.

Die Aufsatzsammlung, die in die drei Abschnitte Queenship („Königinnentum“), Female Agency (Weibliche Handlungsmacht) und The Role of Advice (die Rolle des Beratens) gegliedert ist, behandelt eine breite Vielfalt an Perspektiven.

Dabei steht Cersei Lannister in den meisten Aufsätzen im Vordergrund, dicht gefolgt von Daenerys Targaryen und Sansa Stark. Damit werden die drei mächtigsten Frauen der Serie behandelt; wobei diese bislang nur in der TV-Adaption einen hohen Grad an Autorität erlangt haben (mit Ausnehme von Daenerys Targaryen, die sich in den Romanen zeitweilig zur Königin von Meereen erhoben hat). Die Romanreihe ist noch nicht abgeschlossen, weswegen diese ab Staffel 6 nicht mehr als Vorlage für die Fernsehserie, die 2019 beendet wurde, verwendet werden konnte.

James J. Hudson, der Autor des ersten Aufsatzes, stellt zum Beispiel einen Vergleich zwischen Martins Cersei Lannister und der chinesischen Kaiserinwitwe Cixi aus der Qing-Dynastie her. Andere Aufsätze setzen sich kritisch mit der Darstellung der exotischen (also nicht an Europa orientierten) Kulturen in Essos auseinander.

Curtis Runstedlers Aufsatz „Cersei Lannister, Regal Commissions, and the Alchemists in Game of Thrones and A Song of Ice and Fire versucht, einen historischen Vergleich zwischen Cersei Lannister und Elizabeth I. von England herzustellen. Runstedler stellt dabei Behauptungen auf, die kritisch zu hinterfragen sind. Seine Meinung, Elizabeth I. sei so irrational und politisch ungeschickt wie Cersei Lannister, ist generell nicht haltbar. Elizabeth I. war nachweislich umsichtiger, hat auf ihre Ratgeber gehört (insbesondere Sir William Cecil) und hat lange gezögert, die Hinrichtung Maria Stuarts anzuordnen. (1) Sprachlich fällt negativ auf, dass Runstedler häufig die Adjektive „volatile“ (unberechenbar) und „unpredictable“ (unvorhersehbar) verwendet. Diese Wiederholungen vermitteln eher einen eintönigen Sprachstil.

Auch in anderen Beiträgen gibt es einige historische Ungenauigkeiten. Sheila Ilona O´Brien nimmt, beispielsweise, die von Retha Warnicke (2) unterstellte These auf, dass Anne Boleyn, die zweite Ehefrau von Henry VIII von England, der Hexerei bezichtigt wurde (214). Es gibt jedoch keinen verlässlichen Hinweis darauf, dass irgeneine/r von Anne Boleyns Zeitgenoss*innen, nicht einmal ihr Erzfeind Eustace Chapuys, ihr ernsthaft vorgeworfen hätten, Hexerei angewendet zu haben, um sich die Zuneigung des Königs zu sichern. (3) Dennoch sind die Beobachtungen, Analysen und Interpretationen der Autor*innen zum größten Teil fundiert und differenziert.

Auffällig ist, für jede/n, der/die auch die Begleitgeschichten rund um die erfundene Historie von Westeros und Essos (wie The World of Ice and Fire oder Fire & Blood) gelesen hat, dass andere interessante Frauenfiguren, wie Alysanne oder Rhaenyra Targaryen nicht untersucht wurden. Dabei wäre gerade „Good Queen“ Alysanne Targaryen ein gutes Beispiel für die vorbildliche Königsgemahlin, wie sie das mittelalterliche Europa vorsah. Arianne Martell, eine Figur aus A Song of Ice and Fire, die aber nicht in Game of Thrones vorkommt, wird ebenfalls nicht erwähnt. Sie bietet sich ebenfalls als Untersuchungsgegenstand im Rahmen des „Queenship“-Diskurses an, da sie die Thronerbin von Dorne, einer Kultur mit mehr Gleichberechtigung als der Rest der Sieben Königreiche, ist. Vermutlich wollten die Herausgeber*innen sichergehen, dass diejenigen Leser*innen die lediglich die Fernsehserie kennen nicht durch fremde Namen abgeschreckt werden.

Fazit

Den Herausgeber*innen und Autor*innen ist es gelungen, George R.R. Martins erfundene Welt mit realer Geschichte und Gender-Aspekten zu verknüpfen. Die Aufteilung der Beiträge in drei Aufsatzblöcke erweist sich dabei als äußerst sinnvoll. Die an sich abstrakten Begriffe Macht und Autorität werden auf diese Weise konkreter und vielfältiger betrachtet.

Die Autor*innen beweisen zum größten Teil ein fundiertes Wissen, was sowohl die Romane und die Fernsehserie als auch die reale Geschichte angeht. Die Spezialgebiete einiger Autor*innen (zum Beispiel um das chinesische Kaiserreich oder um die angelsächsische Kultur) bieten erfrischende Perspektiven, die bislang im Diskurs fehlten. Die Rezensentin begrüßt insbesondere die Einbeziehung der Frühen Neuzeit. Bei den Aussagen zu historischen Persönlichkeiten empfiehlt es sich dennoch, diese nicht kritiklos zu übernehmen.

Bei der inhaltlichen Auseinandersetzung mit Martins Welt unterscheiden die Autor*innen nicht immer klar zwischen Roman und Serie. Dies kann das Verständnis erschweren, vor allem für Leser*innen, die entweder nur die Bücher oder die Fernsehserie kennen. Daher empfiehlt es sich, die Romane und die Serie, oder mindestens die Serie vollständig zu kennen, um den Autor*innen folgen zu können. Zudem sind ein historisches Vorwissen vom europäischen Mittelalter und der Frühen Neuzeit/Renaissance sowie gute Englischkenntnisse für die Lektüre empfehlenswert.

Durch die Beschränkung auf die bekannteren Frauenfiguren, insbesondere Cersei Lannister, sind Wiederholungen in den Analysen der Autor*innen fast unvermeidlich. Die Einbeziehung weniger bekannter, aber nicht weniger interessanter, Frauenfiguren hätte mehr Abwechslung bringen können. Davon abgesehen bietet dieser Sammelband eine vielfältige und sinnvolle Ergänzung zum Diskurs um die historische Betrachtung von Martins Romanen, die auch nach Beendigung der Fernsehserie eine weltweite Faszination ausüben. Mit der geplanten Spin-Off-Fernsehserie um die Targaryen-Dynastie wird das akademische Interesse an den bisher kaum untersuchten Figuren, wie Alysanne und Rhaenyra Targaryen, hoffentlich steigen.

Die Überlegungen dazu, wie Frauen und Macht/Autorität in der Vergangenheit betrachtet wurden, regen dazu an, Parallelen zum gegenwärtigen Diskurs um dieses Thema zu reflektieren. Das betrifft auch die Sichtweise auf die weiblichen Figuren von A Song of Ice and Fire/Game of Thrones, die einem sogenannten „Double Bind“ unterworfen sind. Damit ist gemeint, dass Frauen in Männerdomänen weder mit männlichen noch mit weiblichen Charakterzügen akzeptiert werden. (4) Dies trifft auf die im Sammelband behandelten historischen und fiktiven Frauenfiguren ebenso zu wie auf heutige Frauen in Machtpositionen.

Fußnoten

(1) Vgl. Somerset, Anne. Elizabeth I.. 1997 (1991), zum Beispiel S. 77f, 550-558.

(2) Aus der von O´Brien verwendeten Bibliografie geht hervor, dass sie Retha Warnicke als Quelle bezogen hat.

(3) Eric Ives geht in seiner fundierten Anne Boleyn-Biografie ausführlich auf die These um den Hexerei-Vorwurf ein (Ives, Eric. The Life and Death of Anne Boleyn. 2005 (2004) S. 297f).

(4) Vgl. auch Michael Tesler: „On ‘Game of Thrones,’ Daenerys Targaryen faces a sexist double bind — like so many female leaders“, in: Washington Post.

Zum Buch

Rohr, Zita Eva & Lisa Benz (Hrsg.): Queenship and the Women of Westeros. Female Agency and Advice in Game of Thrones and A Song of Ice and Fire. Palgrave Macmillan, 2019. 337 Seiten, ISBN-13: 978-3030250409.

Verfasst von

Isabel Busch, M.A., Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Projekt „hdfg bundesweit“, Haus der FrauenGeschichte (HdFG), Bonn.

Empfohlene Zitierweise

Isabel Busch (2020): Rezension „Queenship and the Women of Westeros” , in: Haus der FrauenGeschichte (HdFG), Bonn. URL: https://www.hdfg.de/blog/2020/08/rezension-queenship-and-the-women-of-westeros