Frauen in der Weimarer Republik

Frauenmode in den Zwanziger Jahren

Frauenemanzipation in der Weimarer Republik Teil 6

Isabel Busch, 18. März 2021

Die Mode einer Epoche hat eine große kulturgeschichtliche Aussagekraft. Die Frauenmode der Zwanziger Jahre steht bis heute für die Emanzipation der Frauen in der Zeit der Weimarer Republik. Umso vielsagender ist die Abkehr von dieser Mode in den 1930er Jahren, wo Frauen in Deutschland wieder ein traditionelleres Bild von Weiblichkeit darstellen sollten.

Mode vor 1920

Da es nicht vorgesehen war, dass Frauen vom Bürgertum aufwärts arbeiteten, geschweige denn im Haushalt tätig sind, boten Kleider wenig Bewegungsraum. Die typische bürgerliche Frauenkleidung bestand aus mehreren Schichten, insbesondere aus mehreren Unterröcken. Man hatte sich allerdings inzwischen von den Tournüren, einer Unterart der Reifröcke, verabschiedet, welche den Rock zusätzlich nach hinten aufgebauscht hatten.

Das Korsett war weiterhin obligatorisch und wurde in allen gesellschaftlichen Schichten getragen. Um das Korsett ranken sich bis heute viele Mythen, die dieses Kleidungsstück ausschließlich als restriktives Mittel zur Unterdrückung der Frauen ansehen. Dabei wurde es von den meisten Zeitgenoss*innen als ein Mittel zur Unterstützung des Oberkörpers betrachtet. Schließlich trugen auch nachweislich Arbeiterinnen, die viel Bewegungsfreiheit brauchten, Korsetts. Daneben trug das Korsett dazu bei, die gewünschte Silhouette herzustellen: Es wurden weibliche Kurven betont, die Taillen saßen hoch und die Brüste wurden nach oben gedrückt. Tagsüber sollte die Kleidung züchtig bis oben zugeknüpft sein; nur abends, bei festlichen Anlässen, war auch ein Ausschnitt erlaubt.

Je mehr allerdings auch bürgerliche Frauen in den Städten berufstätig wurden, benötigten sie in ihrer Kleidung Bewegungsfreiheit. Die neue Mobilität, die beispielsweise Fahrräder ermöglichten, erforderte ebenso eine praktischere Mode. Eine Reformbewegung entstand, die es sich zur Aufgabe machte, neue Kleidung für Frauen zu entwerfen. Rocksäume, die vorher bis auf den Boden gingen, wurden auf Fersenlänge gekürzt; neue „Reform- oder Gesundheitskorsetts“ versprachen eine höhere Dehnbarkeit.

Bereits in den 1850er Jahren hatte die US-amerikanische Frauenrechtlerin Elizabeth Smith Miller (1822-1911) Pluderhosen entworfen, die unter einem knielangen Rock getragen werden sollten. Die Aktivistin Amelia Bloomer (1818-1894) machte sich in ihrer Zeitung „The Lily. Devoted to the Interests of Women“ öffentlich stark für diese Pluderhosen, die schließlich als Bloomers bekannt wurden. Auch wenn diese sich damals noch nicht durchsetzen konnten, gehörten Pluderhosen und Hosenröcke um die Jahrhundertwende zur weiblichen Bekleidung beim Fahrradfahren.

Marie Tual
Die französische Radrennfahrerin Marie Tual in typischer Fahrradkleidung mit Bloomers (zwischen 1896 und 1897). Foto: Jules Beau. Quelle: gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France, ID btv1b8433371x, gemeinfrei.

Designer*innen wie Coco Chanel (1883-1971), Madeleine Vionnet (1876-1975) und Paul Poiret (1879-1944) entwarfen eine neue Mode, die weg von den vielen Unterröcken und dem Korsett hin zu einer Kleidung führte, die die natürliche Form des weiblichen Körpers betonte.

Für Frauenrechtlerinnen war die Reformkleidung jedoch nicht nur eine praktische Notwendigkeit, sondern ein wichtiger Bestandteil zur Emanzipation der Frauen.

Es ist allerdings ein Mythos, dass der Erste Weltkrieg einen so revolutionären Einschnitt in die Frauenmode brachte. Es hatte schon lange vorher gegolten, dass es verschiedene Kleidungsstile für verschiedene Anlässe gab. Der Erste Weltkrieg war in dieser Hinsicht kaum anders. Modisch änderte sich vor allem etwas für diejenigen, die Männer an den Arbeitsplätzen ersetzen mussten, wo Frauen zuvor nicht gearbeitet hatten, zum Beispiel als Schaffnerinnen in Straßenbahnen oder als Fahrerinnen.

Die 1920er: Von der weiblichen zur androgynen Silhouette

Das Ende des Ersten Weltkriegs bedeutete noch nicht, dass Frauen sich sofort die Haare zum berühmten Bubikopf schnitten ließen und kurze Röcke trugen. Es stand zwar für die meisten Frauen in den Städten außer Frage, dass sie langfristig nicht zur Mode der Vorkriegszeit zurückkehren wollten, aber die Revolution in der Mode der Zwanziger Jahre war ein gradueller Prozess.

Mit der Zeit setzte sich eine neue ideale Silhouette durch: Geradlinigkeit statt Kurven war gefragt. Die weibliche Linie sollte einer androgynen weichen. Miederhemden — sogenannte Korseletts — unterstützen vollbusigere Frauen dabei, diese gerade Linie bestmöglich zu erreichen. Die Kleidung sollte nicht mehr figurbetont, sondern locker sitzen.

Dazu gehörte auch ein spezielles Körperideal, das propagiert wurde: sportlich schlank und sonnengebräunt. Dies spiegelte eine Vorstellung von körperlicher Gesundheit wieder, die sich bereits in der Kaiserzeit abgezeichnet hatte. Gekoppelt mit einer geistigen und psychischen Gesundheit sollten die Deutschen auf diese Art eine Volksgesundheit erschaffen. Die Sonnenbräune des Tages sollte allerdings am Abend einer Blässe weichen, die immer noch als ästhetisch galt und notfalls durch entsprechendes Make-Up erreicht werden sollte.

Im Einklang mit der androgynen Silhouette begannen sich die „Neuen Frauen“ die Haare kurz zu schneiden: entweder zum berühmten Bob oder Bubikopf — circa kinnlang, meistens glatt, aber auch mit Dauerwellen kombinierbar — oder sogar zum Pagen- oder Etonschnitt, der auch am Hinterkopf kurz war. Die Frauen mit Pagen-/Etonschnitt wurden am meisten verspottet, da sie angeblich von Männern nicht mehr zu unterscheiden gewesen wären. Ein neuer Trend in der Hutmode, der sogenannte Topf- oder Glockenhut, passte sich perfekt den neuen Frisuren an.

Die Röcke reichten noch bis etwa 1924/25 bis zu den Unterschenkeln. Erst danach wurden sie knielang getragen. Frauen trugen in dieser Zeit, wo die Mode am emanzipiertesten zu sein schien, nur selten Hosen — am ehesten bei sportlichen Aktivitäten wie Ski- oder Motorradfahren. Beim Tennisspielen trugen sie knielange Kleider, wie die berühmte französische Tennisspielerin Suzanne Lenglen (1899-1938). Die neue Schwimmode sah hingegen auch bei Badeanzügen kurze Hosen vor.

Dass Röcke — und in der Bademode auch Hosen — immer kürzer wurden, spricht vor allem für ein neues Selbstbewusstsein der Frauen sowie für eine generelle liberalere Einstellung der Mode gegenüber. Vor dem Ersten Weltkrieg wäre ein Rock, der nicht mindestens bis zu den Knöcheln reichte, aus sittlichen Gründen undenkbar gewesen. In der zweiten Hälfte der Zwanziger Jahre gehörten kürzere Röcke, die die Beine sichtbar machten, zum urbanen Alltag. Dazu wurden Spangenschuhe mit mittelhohen Absätzen getragen.

Louise Brooks
Louise Brooks. Foto: Bain News Service, publisher. Library of Congress, Prints & Photographs Division, LC-DIG-ggbain-32453, Public Domain.

Wie zuvor gab es auch einen Unterschied zwischen Tages- und Abendgarderobe. Tagsüber sollte die Kleidung eher schlicht sein, abends brachten Glitzerelemente, Pailletten und exotische Muster mehr Abwechslung. Modezeitschriften und Kinostars wie Louise Brooks (1906-1985) und Asta Nielsen (1881-1972) sorgten dafür, dass sich die neuesten Modetrends schnell verbreiteten. In Büros und Geschäften war es sogar erforderlich, dass die weiblichen Angestellten, die möglichst jung und hübsch sein sollten, sich modisch schick kleideten, um so ein stimmiges Gesamtbild abzugeben.

Billigere Materialien wie Kunstseide machten es möglich, dass Frauen mit niedrigem Einkommen sich die schicke Mode leisten konnten. Doris, die Heldin aus Irmgard Keuns Roman Das kunstseidende Mädchen hat den Ehrgeiz, ein Star (ein „Glanz“) zu werden und kleidet sich, um diesen Anschein zu erwecken, in Kunstseide.

Zurück zu den alten Zöpfen? Die 1930er Jahre und der Nationalsozialismus

Nach dem Einbruch der Weltwirtschaftskrise fand in den 30er Jahren eine Rückkehr zu konservativeren Formen statt: die Silhouette wieder weiblicher, Röcke und Haare etwas länger.

Die Nationalsozialist*innen betonten die deutsche Frau; alles sollte Deutsch sein: vom Design bis zu den verwendeten Materialien. Paris und Hollywood waren als Trendsetter größtenteils unerwünscht. Stattdessen dominierte ein Trachten- und Bauernkult. Die bayerische Tracht wurde allerdings auch zwiespältig gesehen: Zum einen war das Dirndl zwar ein völkisches Symbol, zum anderen galt es aber als zu regional. Auf zeitgenössischen Propagandabildern wurden Frauen zudem gern mit langen, blonden Zöpfen dargestellt.

Trotzdem war auch weiterhin elegante Mode, gerade innerhalb der oberen Schichten zu besonderen Anlässen, angesagt. Generell wurde die Bevölkerung, gerade während des Zweiten Weltkriegs dazu angehalten, zu sparen und auf schlichte Kleidung zu achten. Es sollte noch bis zu den 1960er und 1970er Jahren dauern, also bis zur Jugendkultur der Beat-Generation und der Zweiten Welle der Frauenbewegung, bis kurze Röcke — wie der Minirock von Mary Quant (*1930) — und Hosen verbreitet die Kleiderschränke eroberten.

Und heute?

Modetrends ändern sich heute viel schneller als früher. Frauen haben in vielen Ländern der Welt eine noch nie dagewesene Freiheit, ihren Kleidungsstil selbst zu bestimmen. Dennoch sind immer noch Geschlechterstereotype wirkmächtig und es werden klare Trennlinien zwischen Frauen- und Männermode gezogen.

Schon Farben und Muster wie Rosa und geblümt, die eher mit Frauenmode in Verbindung gebracht werden, können bei Jungen und Männern dazu führen, dass sie von ihrem Umfeld verspottet werden. Die öffentliche Missachtung tritt insbesondere bei Röcken und Kleidern zutage. 2011 erlangte der Autor Nils Pickert internationale Aufmerksamkeit, weil er aus Solidarität zu seinem damals fünfjährigen Sohn, der gerne Kleider und Röcke trug, ebenfalls im Rock mit ihm öffentlich unterwegs war. Dafür erntete er sowohl Zuspruch als auch unverhohlene Verachtung.

Der britische Popstar Harry Styles, der seit Jahren dafür bekannt ist, mit Geschlechternormen zu brechen, erregte im Dezember 2020 Aufsehen, weil er für das Titelbild der Vogue in einem Ballkleid von Gucci posierte. Auch er erlebte dafür in den sozialen Medien neben Anerkennung auch vehemente Ablehnung. Männer wie Frauen beklagten die offen zur Schau getragene Verweiblichung und riefen nach einer Rückkehr zum „manly man“. Neben den vielen Stimmen, die Styles verteidigen, legt unter anderem die YouTuberin Karolina Żebrowska dar, wie Mode, die aus heutiger Sicht als typisch weiblich gilt, in der Geschichte zur üblichen Männergarderobe gehörte.

Auch Mädchen / Frauen, die männlich gelesene Kleidung tragen, können immer noch belächelt oder mit stereotypischen, mitunter homophoben Vorurteilen wie Homosexualität konfrontiert werden.

Neben dem Ruf nach mehr Akzeptanz für genderfluide Mode, steht seit Jahren auch das gängige Schönheitsideal, das von der Modeindustrie produziert wird, in der Kritik. Nicht nur schlank, sondern regelrecht dünn sind die Models, die auf den Laufstegen und Modemagazin-Covern zu sehen sind. Viele Medien zeigen vor allem normschöne, weiße und schlanke Körper.

Allerdings gibt es eine wachsende Bewegung, die z.B. unter dem Begriff Body-Positivity die Akzeptanz verschiedener Körper(-formen) und positive Einstellung zum eigenen Körper fördert. Die Body-Neutrality Bewegung plädiert eher dafür, sich nicht schön finden zu müssen, sondern den eigenen Körper einfach anzunehmen und neutral gegenüberzustehen. Stattdessen sollten die inneren Werte im Vordergrund stehen.

Denn wenn die Modegeschichte eines beweist, dann ist es die Tatsache, dass Schönheitsideale und Modetrends wandelbar sind.

Videos:

Die Mode der 20er ist nicht die, für die man sie hält (englisch)

1920s Fashion Encyclopedia, Pt 1: Daywear (englisch)

“y'all need to stop with the "manly men" stereotype [RANT]” (englisch)

Quellen und Tipps zum Weiterlesen

Barthels, Inga. „Wie Stars männlichen Style neu definieren“. Tagesspiegel.de. 15.12.2020.

Drammeh, Njema. „Body Positivity – warum es immer mehr Kritik gibt“. Wmn.de. 17.07.2020.

Edwards, Lydia. How to Read a Dress. A Guide to Changing Fashion from the 16th to the 20th Century. London u.a.: Bloomsbury Visual Arts, 2018.

Freunde und Förderer des Industriemuseums Cromford e.V. u.a. (Hrsg.). Charlestonkleid und Tippmamsell. Mode und Modernes Leben der 20er Jahre. Ratingen: 2001. PDF

Guyton, Patrick. „Kulturgeschichte der Mode: Der Nazis neue Kleider“. Taz.de. 16.05.2017.

Loschek, Ingrid. Reclams Mode- und Kostümlexikon. 6. erweiterte und aktualisierte Auflage. Stuttgart: Philipp Reclam jun., 2011.

LVR-Industriemuseum (Hrsg.). Mythos Neue Frau. Mode zwischen Kaiserreich, Weltkrieg und Republik. 2019.

Verfasst von

Isabel Busch, M.A., wissenschaftliche Mitarbeiterin Haus der FrauenGeschichte (HdFG), Bonn.

Empfohlene Zitierweise

Isabel Busch (2021): Frauenemanzipation in der Weimarer Republik. Frauenmode in den Zwanziger Jahren, in: Haus der FrauenGeschichte (HdFG), Bonn.

URL:
                                https://www.hdfg.de/blog/2021/03/frauenemanzipation-in-der-weimarer-republik-teil-6