Rezension

Rezension: „The Wrongs of Woman“ von Mary Wollstonecraft

Katrin Lindstädt, 10. Juni 2020

Warum sollten wir heute Bücher lesen, die vor über 200 Jahren geschrieben wurden? Warum sollen wir uns durch verschlungene Sprache schlagen, das Wörterbuch für all die unbekannten Worte griffbereit neben uns? Warum sollten wir uns eindenken in Realitäten, die doch mit unserem aufgeklärten 21. Jahrhundert nichts mehr zu tun haben? Warum? Weil wir dann über Rollenbilder vergangener Zeiten, die Gesellschaft und ihren Wandel auf dem Weg zur Gleichberechtigung lernen können. Und manchmal würden wir merken, dass wir das Rad für unsere heutigen Kämpfe gar nicht neu zu erfinden brauchen.

Die Autorin

Mary Wollstonecraft wurde 1756 in London geboren. Das 18. Jahrhundert in England, in dem sie aufwuchs, war geprägt von der industriellen Revolution, dem Kampf für Arbeiter*innen- und Bürger*innenrechte auf der einen Seite und dem gesellschaftlichen Ideal der viktorianischen Frau auf der anderen Seite. Während also im Zuge mehrerer Wahlrechtsreformen immer mehr Männern politische Teilhabe zugebilligt wurde, blieben Frauen weitestgehend in die häusliche Sphäre verbannt.

Wollstonecraft beobachtete Ende der 1780er Jahre euphorisch die politischen Entwicklungen in Frankreich. Sie war begeistert von den Freiheitsidealen der Revolution und schrieb 1790 die “Vindication of the Rights of Men”, ein republikanisches Plädoyer für die Ziele und Ideale der Revolution. Es war für Wollstonecraft eine frustrierende Erfahrung, dass die Revolution kam, Frauen jedoch von ihren Errungenschaften ausgeschlossen blieben. Frauen sollten weiterhin an Küche und Herd gefesselt und von höherer Bildung ferngehalten werden. So schrieb Wollstonecraft zwei Jahre später die “Vindication of the Rights of Women” indem sie forderte, dass Männern und Frauen gleiche Bildung und gleiche Rechte zukommen.

Das Buch

“Maria or: The Wrongs of Women” wurde erst nach dem Ableben von Wollstonecraft veröffentlicht und verbleibt so ein Romanfragment mit verschiedenen Versionen des Endes. Es liest sich wie die literarische Version ihres politischen Pamphlets: Die Leserin wird in medias res in die Situation der Protagonistin Maria versetzt, die von ihrem Ehemann in einer Nervenheilanstalt festgehalten wird. Sie ist verzweifelt ob ihrer Situation und wahnsinnig über den Verlust ihres Kindes. Aber nicht nur sie ist dort gefangen. Auch ihre Wärterin Jemima, “an outcast of society” („eine Ausgestoßene der Gesellschaft“), ist gefangen im Zwang ihrer finanziellen Notlage.

Die beiden finden in der gotischen Szenerie zusammen und beginnen, eine zarte Freundschaft zu entwickeln. Immer im Hinterkopf der Maria: Flucht. Durch die Bücher eines anderen Gefangenen, die Jemima Maria zum Lesen bringt, wird deren Interesse am Vorbesitzer der Bücher geweckt: Henry Darnford. Es kommt zu ersten Treffen von Henry und Maria. Ermöglicht und überwacht von der guten Seele Jemima und in intimer Runde werden nicht nur Fluchtpläne geschmiedet, es werden vor allem Lebensgeschichten geteilt: Marias Geschichte von der Flucht vor einem Ehemann, den sie nicht will und der wiederum nur ihr Geld will. Jemimas Lebensgeschichte bestehend aus Gewalt, Gleichgültigkeit und Ungerechtigkeit. So unterschiedlich beide Geschichten sind – Jemima und Maria sind Frauen zweier Klassen ohne Berührungspunkte – so sehr ähneln sie sich doch in zwei Aspekten: Der Wissensdurst der beiden Frauen und die „Wrongs of Woman“, die beide erfahren.

Diese Ähnlichkeiten sind nicht nur die literarischen Handlungsträger des Buches, sie sind auch die politischen Statements der Autorin.

Feministische Rezeption

Wollstonecraft lag das Thema Bildung besonders am Herzen. Ihrer Meinung nach kann nur gute*r Bürger*in sein, wer Bildung erfährt und dementsprechend müssen auch Frauen eine höhere Ausbildung erfahren.

Die Wrongs of Woman sind all die Dinge, die Frauen falsch machen in einer Gesellschaft, die ihnen nur “einen richtigen” Weg vorschreibt. Und Wrongs of Woman sind auch all die Arten, in denen Frauen Unrecht widerfährt – und zwar nicht nur Maria und Jemima. Wollstonecraft macht im Vorwort zu ihrem Text deutlich, dass sie nicht von Einzelschicksalen schreibt: “[T]he history ought to be considered, as of woman, than of an individual.” („Die Geschichte soll als die Geschichte der Frau betrachtet werden und nicht als die Geschichte eines Individuums.“ [eigene Übersetzung]) Aus heutiger Perspektive kann Wollstonecraft zweifelsohne Klischeehaftigkeit vorgeworfen werden. Der rettende Henry Darnford, Marias blinde Zuneigung und die Ansprüche an die eigene Moral wirken steif und aus der Zeit gefallen.

Aber man kann in diesem Buch auch moderne feministische Anliegen finden. Wollstonecraft beschränkt sich in ihrer Erzählung nicht nur auf die wohlhabende Frau aus der Mittelschicht. Sie lässt ebenso die mittellose Frau aus der sozialen Unterschicht zu Wort kommen. Das alleine ist noch kein Intersektionalismus, aber es spiegelt die Erkenntnis wieder, dass Frauen in verschiedenen Lebenssituationen (verschiedene) Formen von Diskriminierung erleben und der Zugang zu Bildung für Frauen in der sozialen Unterschicht kaum möglich ist. Oder wie Maria es im Gespräch mit Jemima formuliert: “The book of knowledge is closely clasped, against those who must fulfil their daily task of severe manual labour or die.” („Das Buch des Wissens ist fest verschlossen für diejenigen, die ihr Tagewerk an schwerer körperlicher Arbeit erfüllen – oder sterben – müssen.“ [eigene Übersetzung])

Die Empathie, die Maria mit diesem Satz gegenüber Jemima und allen Frauen in ähnlicher Situation zeigt, deutet auf ein weiteres Anliegen von Wollstonecraft: Solidarität. Anstatt sich gegenseitig niederzumachen in einer Gesellschaft, die sich strukturell gegen sie wendet, sollten Frauen Solidarität füreinander zeigen und sich gegenseitig stärken.

Es mag also etwas zu viel des guten Willens sein, sich Mary Wollstonecraft heute mit einem “Bildet Banden” Badge auf dem Jutebeutel vorzustellen. Aber wer “The Wrongs of Woman” liest, findet nicht nur eine bildgewaltige Sprache, sondern auch moderne feministische Themen, die selbst nach 200 Jahren nichts an Aktualität verloren haben.

Zum Buch

Wollstonecraft, Mary The Wrongs of Woman (1798), in: Gary Kelly (Hrsg.): Mary and The Wrongs of Woman, Oxford University Press, 2007.

Verfasst von

Katrin Lindstädt, Praktikantin am Haus der FrauenGeschichte (HdFG)

Empfohlene Zitierweise

Isabel Busch (2016/2020): Die neuen Frauen, in: Haus der FrauenGeschichte (HdFG), Bonn. URL: https://www.hdfg.de/blog/2020/04/rezension-die-neuen-frauen